Zivilcourage auf dem Turnier und im Verein
Mit gutem Beispiel voran gehen
[FNverlag Online-Newsletter pferdenah 03/2010]Was tun, wenn jemand im Stall oder auf dem Turnier, sein Pferd unfair behandelt? Oder wenn im Stall ständig fies über andere Reiter hergezogen wird? Wegsehen und bloß nicht einmischen? Oder Zivilcourage zeigen und sich für Schwächere einsetzen?
Was genau ist eigentlich Zivilcourage? Zivilcourage setzt sich aus den beiden Wörtern zivil (lateinisch: anständig, annehmbar) und dem französischen Wort courage (übersetzt: Mut) zusammen. Zeigt jemand heutzutage Zivilcourage, versteht man darunter das Auftreten gegen die öffentliche Meinung, mit dem der Einzelne, ohne Rücksicht auf sich selbst, soziale Werte oder die Werte der Allgemeinheit vertritt, von denen er selbst überzeugt ist. In bestimmten Situationen ohne Rücksicht auf eigene Nachteile für andere einzutreten, erfordert oft eine große Portion Mut, da derjenige, der Zivilcourage zeigt, möglicherweise selbst Ärger riskiert.
Überall, wo Menschen zusammen kommen, egal ob in der Schule, im Berufsleben oder in der Freizeit, gibt es verschiedene Welten und Persönlichkeiten, die aufeinanderprallen. Genauso ist es im Reitstall. Teenies treffen auf die Ü-50-Generation, Western- auf Klassikreiter, Anfänger auf alte Turnierhasen, Schulpferdereiter und Reitbeteiligungen auf Privatpferdebesitzer, Stall-Neulinge auf alteingesessene Grüppchen... Da können einfach nicht immer alle einer Meinung sein - wie in jeder normalen Familie. Es kommt darauf an, wie man miteinander redet, umgeht und auch mal streitet. Leider kommt es auch hier immer wieder zu sogenannten Mobbing-Situationen. Im weiteren Sinne bedeutet Mobbing, einen Kollegen ständig zu schikanieren, quälen und verletzen, beispielsweise in der Schule, am Arbeitsplatz, im Sportverein. Typische Mobbinghandlungen sind Verbreitung falscher Tatsachen, Zuweisung sinnloser Arbeitsaufgaben, Gewaltandrohung, soziale Isolation oder ständige Kritik an der Arbeit.
Eine freundliche Begrüßung, gepflegte Kleidung oder Hilfsbereitschaft - das zählt auf jeden Fall zum guten Benehmen im Stall. Ganz allgemein gehören auch Eigenschaften wie Toleranz, Anerkennung anderer, Freundlichkeit und Fairness dazu - genau wie im übrigen Leben. Gerade im Reitstall sollten Regeln des höflichen, toleranten und respektvollen Umgangs miteinander gelten und nicht an der Stalltür "abgegeben" werden. Es ist wichtig, dass man sich in Situationen, in denen andere ungerecht behandelt werden, für Schwächere einsetzt, die sich vielleicht nicht so gut wehren können, weil sie schüchtern, zu jung, neu im Stall oder, oder, oder sind. Man selbst wäre sicher auch dankbar, wenn jemand sich für einen in einer ähnlichen Situation einsetzt. Wichtig ist: Sobald ihr euch unwohl fühlt und von anderen gehänselt werdet, müsst ihr euch an einen verantwortungsvollen Erwachsenen wenden (wie zum Beispiel den Stallbetreiber, den Reitlehrer, einen Einsteller oder eure Eltern). Denn niemand sollte Bauchschmerzen haben, wenn er in den Stall fährt. Manchmal hilft es auch, den Stall zu wechseln und sich dort neue Freunde zu suchen.
So könnt ihr Zivilcourage zeigen:
- Rücksicht auf schwächere Reiter/innen nehmen!
- Missstände offen ansprechen und mit dem Stallbetreiber höflich klären!
- Sich auch für das Wohl fremder Pferde verantwortlich fühlen!
- Kichern, tuscheln, tratschen und klatschen hinter dem Rücken Dritter ist verletzend und deshalb tabu!
- Jeden Neuankömmling freundlich aufnehmen, egal, ob Turnier- oder Freizeitsportler, ob Pferdebesitzer, Reitbeteiligung oder Schulpferdereiter!
- Falls es doch mal Knatsch gegeben hat - in Ruhe darüber reden und dann: "Schwamm drüber"! :-)
Gegenseitige Rücksichtnahme, sowohl auf andere Reiter als auch den Partner Pferd, gilt natürlich auch auf dem Turnier, und dort besonders für Situationen auf dem Vorbereitungsplatz. Die Aufsicht am Vorbereitungsplatz behält das Abreiten genau im Blick und sorgt dafür, dass alles ordnungsgemäß abläuft. Eigentlich sagt der Name des Platzes schon alles: Auf dem Vorbereitungsplatz sollen Pferd und Reiter sich auf die Prüfung vorbereiten. Bei nationalen Turnieren ist ein Mitglied der Richtergruppe für den Vorbereitungsplatz verantwortlich. Man erkennt diesen Richter an seinem Arbeitsplatz, dem Richterhäuschen, durch seine offizielle Kleidung und/oder ein Namensschild. Bei internationalen Turnieren macht diesen Job ein Steward, der meist auch für den gesamten Organisationsbereich hinter den Kulissen verantwortlich ist, also auch für die Stallaufsicht und Dopingkontrollen. Der Steward beaufsichtigt das Vorbereiten der Pferde und sorgt dafür, dass alles sportlich fair und sicher abläuft, so dass niemand unerlaubte Methoden anwendet. So haben alle Reiter in der Prüfung die gleichen Chancen. Aber was passiert nun, wenn sich ein Reiter nicht an die Regeln hält? Wenn jemand unzulässige Ausrüstung verwendet, sich unsportlich gegenüber seinem Pferd oder den Mitreitern verhält oder er die Sicherheit anderer auf dem Vorbereitungsplatz gefährdet, dann schreitet der Richter am Vorbereitungsplatz ein. Es gibt übrigens auch eine neue LPO-Änderung ab Mai diesen Jahres. Mit gelben und roten Karten, ähnlich wie man sie aus dem Fußball kennt, kann der Richter Teilnehmer bei unsportlichem Verhalten verwarnen und von der Prüfung ausschließen. Wer beobachtet, dass ein Reiter sein Pferd sehr grob und ungerecht behandelt, sollte also auf jeden Fall den aufsichtsführenden Richter darauf ansprechen oder auch die Turnierleitung, beziehungsweise den Beauftragten der Landeskommission (LK).
Aber Achtung: Nicht bei jeder kurzen Gerten- oder Sporenhilfe muss gleich ein Richter eingreifen - dies kann auch eine Momentaufnahme sein. Hier muss der Richter die Situation genau beurteilen.

